Ehrenfried Walther von Tschirnhaus - der Weg zum Porzellan
(von Dieter Bauke, Gera)

Einleitung
 
Lebensdaten und Forschungsansatz
 
Instrumentenbau: Brennspiegel und -linsen
 
Feuerfestmaterialien und Brennöfen, Manufakturen
 
Forschungsorganisation
 
Porzellan
 
Literaturverzeichnis (Auswahl)
 


Einleitung
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Eduard Winter charakterisiert das Wirken E.W.v. Tschirnhaus' treffend (20, S.12): "Der angewandten Physik galt sein Lebenswerk. Auf diesem Gebiet hat Tschirnhaus bedeutsame Erfindungen aufzuweisen. Schwere finanzielle Schwierigkeiten und sein vorzeitiger Tod hinderten ihn an der Vollendung wichtiger Erfindungen auf den Gebieten der angewandten Physik, vor allem der Wärmelehre und Optik."

Leben und Wirken E. W. v. Tschirnhaus' zeigen die Wechselwirkung theoretischer und praktischer Positionen im weltanschaulichen und gesellschaftlichen Umfeld, wie sie zur Entwicklung neuer Technik und Technologien und damit zu neuen Erzeugnissen führen,(7, 15, 21, 27)

Entscheidend für die Entwicklung zum Naturforscher war. daß Tschirnhaus nach Abschluß seiner Studien sowohl das Aufblühen der experimentellen Naturwissenschaften an den Naturforscherakademien in London und Paris wie ebenso die einsetzenden technisch-wirtschaftlichen Entwicklungen in Frankreich miterlebte. Colbert, der Förderer des Merkantilsystems, wird sein Vorbild. Wie dieser wollte Tschirnhaus die Quellen seines Heimatlandes, das damals ökonomisch rückständig war, erschließen, indem er als Wissenschaftler und Praktiker Zweige der Industrie zum Blühen bringen wollte. Als erstes errichtete Tschirnhaus 1679 auf seinem Gut in Kieslingswalde auf eigene Kosten ein modernes Laboratorium, das später unter den europäischen Wissenschaftlern sehr bekannt geworden ist. Hier widmet er sich ganz seinen Untersuchungen und Forschungen, die um zwei ausgeprägte Schwerpunkte kreisen, nämlich um Spezialglas und Porzellan. (9, S.104)


Lebensdaten und Forschungsansatz
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Ehrenfried -Walther von Tschirnhaus wurde am 10.4.1651 geboren. In den Jahren nach dem Studium in Leiden und der Kavalierstour durch Westeuropa bemüht sich Tschirnhaus um eine akademische Laufbahn, um die Errichtung einer sächsischen Akademie (aus einer privaten Forschungsgemeinschaft, dem "Museum" heraus) und verfaßt sein philosophisches Hauptwerk ("Medicina mentis, ...".vgl.(27)), in dem er rationale Positionen der Naturerkenntnis propagiert. Er bricht aus dem Schema aus: für einen feudalen Gutsherrn ist die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften nicht üblich, eher das Streben nach einem Hofamt oder einem Offizierspatent. Er aber sucht nach Wegen, seine Interessen für die modernen Naturwissenschaften und die Entwicklung seiner Heimat Sachsen zu verbinden.

Wie sehr er Vertreter des neuen Wissenschaftstyps (der Manufakturperiode) ist, zeigt sich:

  • an seinen Forschungsrichtungen: neue und die Verbindung alter Fragestellungen (Sintern, Schmelzen, ...)"
  • an der Forschungsorganisation: nicht scholastische Universität, sondern experimentelle Naturforschung in einer Akademie,
  • an der Forschungsfinanzierung: Eigenerwirtschaftung (bei Tschirnhaus bis zum finanziellen Ruin),
  • an den Bemühungen um Komplexität: theoretisches Wissen bis zur praktischen Nutzung bringen, die Lehre befördern,...,.
  • an den Bemühungen um ökonomische Wirksamkeit: im merkantilistischen Sinne landeseigene Rohstoffe bis zur Exportfähigkeit veredeln,
  • an den neuen Methoden in ihrer Nutzung auf philosophisch-erkenntnistheoretischem wie wissenschaftsorganisatorischem Gebiet.
Damit steht Tschirnhaus im Entwicklungsprozess dieser Epoche mit dem Ziel, Wissenschaft zur Produktivkraft zu gestalten. Dabei war sein Leben als Forscher nie materiell abgesichert, die Gründung einer Akademie in Sachsen gelang ihm (wie auch Leibniz) nicht. Soll Wissenschaft sich selbst finanzieren (und noch gewinnbringend sein), bedarf es neben der Orientierung der Wissenschaft auf ökonomische wie theoretische Schwerpunkte auch entsprechender wissenschaftsorganisatorischer und politisch-ökonomischer Maßnahmen und Absicherungen, die seitens des absolutistischen Staates (August des Starken) aber nicht gegeben wurden. Und diesen Kreislauf zu einem sich selbst reproduzierendem System in Gang zu setzen. gelang Tschirnhaus nicht. Dieser komplizierte Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Manufakturperiode und der Gründung gelehrter Gesellschaften als einem einheitlichen historischen Prozeß wurde bei weitem nicht beherrscht. Tschirnhaus gelingt es nicht, den angestrebten Status eines Berufswissenschaftlers zu erreichen. Seine Bemühungen um eine organische Verbindung von Wissenschaft und Manufaktur hatten nur geringen dauerhaften Erfolg.(Teich in (7), vgl. auch 11, 23, 24, 25).

Die von Tschirnhaus inaugurierten Manufakturen verbilligten aber - ein angestrebter Nebeneffekt - seine Experimente wesentlich, jedoch floß ihr Gewinn, falls vorhandenen, in andere Kanäle ab. Dabei sind seine Bemühungen. das Merkantilsystem durchzusetzen, unverkennbar: Nutzung heimischer Rohstoffe, Steigerung der Arbeitsproduktivität, höchste Veredelung, Exportbemühungen und Importablösung, Auf- und Ausbau leistungsfähiger Manufakturen. Tschirnhaus' Versuche der Einordnung des Wissenschaftsbetriebes in das ökonomische Umfeld, insbesondere durch Verfolgung des Akademiegedankens, scheitern jedoch nicht zuletzt auch daran. daß die progressive Seite des Colbertismus im deutschen Kameralismus soweit unterdrückt und verstümmelt wurde, daß die Verflechtung von Wirtschaft und Wissenschaft, Wirtschafts- und Wissenschaftsorganisation letztlich nicht rentabel wurde.


Instrumentenbau: Brennspiegel und -linsen
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Dessenungeachtet bemühte sich Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, seine Vorstellungen zu realisieren. Gelang die Akademiegründung nicht, so wurde doch der zweite Weg, die Schaffung ihrer materiell-technischen Basis, weiterverfolgt, Diese sollte in Manufakturen bestehen, in denen neueste wissenschaftlich-technische Erkenntnisse die Produktion hochwertiger Erzeugnisse beförderten, Sein Hauptinteresse bestand in der Konstruktion und Herstellung wissenschaftlicher Instrumente. Denn dieses Gebiet wurde im 17. Jahrhundert (u.a. in bezug auf die Entwicklung experimenteller Methoden) zum Schnittpunkt wissenschaftlicher und Produktionsinteressen. Als Physiker konzentriert Tschirnhaus seine Forschungen auf das Glas. Eine entwickelte sächsische Glasindustrie gab es in Sachsen nach dem Dreißigjährigen Krieg nicht, Auf seinem Gut Kießlingswalde richtete Tschirnhaus 1679 ein Labor ein, welches sich im Laufe der Jahre zur ersten sächsischen Glashütte entwickelte. (Damit sollte auch die materielle Absicherung des "Museums" gegeben werden.)

Spezialglas war selten und teuer; Glas war meist unsauber und schlierig, nicht farblos und damit wissenschaftlich unbrauchbar bzw. nicht farbrein und damit wirtschaftlich unbrauchbar. Bei seinen Experimenten und Forschungen legte Tschirnhaus größten Wert auf Geheimhaltung. Einzelheiten der von ihm gefundenen technologischen und technischen Lösungen sind kaum bekannt. Die von ihm produzierten optischen Geräte(Spiegel- und Linsensysteme) zeigen aber, daß er im vollen Besitz des Arcanums dafür war:

  • richtige Oberflächenform: die mathematische Theorie der Dia- bzw. Catacaustik wurde von ihm beherrscht und weiterentwickelt,
  • Reinheit des Gerätes: richtige Mischung und Aufbereitung der Ausgangsstoffe für hohes Reflektionsvermögen des Spiegels bzw. geringe Absorption der Linsen,
  • Technologie der Herstellung: Gießen, Abkühlen, Schleifen, Polieren,
  • Bedienungsfreundlichkeit des Gerätes(konstruktiver Aufbau),
  • Hohes Strahlungsabsorptionsvermögen des Stoffes und geeignete metereologische Bedingungen.
Die Vorteile gegenüber Brennöfen bestanden in teilweise höheren Temperaturen, guter Beobachtbarkeit des Stoffverhaltens und die Gestaltung vieler Versuchsreihen in kurzer Zeit. Mit seinen Arbeiten zu Brennspiegeln. Brenngläsern und Glas wurde Tschirnhaus international anerkannt und geachtete(vgl. hierzu 6,15, 16, 17)

Tschirnhaus lernte u.a. mit dem Villette-Brennspiegel in Paris(1675) ein Gerät kennen, dessen Vorteile überzeugten. Aber auch die Nachteile des eisernen Spiegels waren nicht zu übersehen: er war schwer, unhandlich und teuer in der Herstellung. Diese Nachteile wußte Tschirnhaus zu vermeiden, indem er statt dessen eine Holzform mit Kupferblech belegte. Mit den größten Brennspiegeln erreichte er 1500 0C. Tschirnhaus' originäre Leistung besteht darin, daß theoretische Leistungsvermögen von Brennspiegeln praktisch (mittels Kupfer statt Eisen) zu erreichen und zu einfacheren und billigeren Technologien vorzustoßen. Unter Einsatz von ihm entwickelter Poliermaschinen wußte er geschickt seine theoretischen Kenntnisse praktisch umzusetzen. Dabei sind heute noch nicht alle Einzelheiten klar (Poliermaschine, Kurvenschablone ...).

Um zu noch höheren Temperaturen zu gelangen, orientierte sich Tschirnhaus ab ca. 1690 auf die Herstellung von Brennlinsen. Die erste Voraussetzung dazu waren große (!) Glasblöcke guter optischer Qualität (spannungs-, schlieren- und .blasenfrei, farblos).Dazu wurde der Weg des Glasgießens (früher: Blasen der Stücke) für Linsen erschlossen (feuerfeste Gußfomen !) wofür auch neuartige Schmelz- und Abkühlöfen erforderlich waren. Als zweite zu erfüllende Voraussetzung mußte die Verarbeitung der großen Glasblöcke realisiert werden: Schleifen mit vielfach größeren Schleifformen ! Es galt also Vielfalt technischer Probleme der Öfen und Verarbeitungsmühlen zu lösen. Mit seinen größten Linsen (bis 75 cm Durchmesser) und unter Einsatz des von ihm erfundenen Kollektivglases erreichten die "Sonnenöfen" bis zu 2000 0C auf einer 10-15 cm2 großen Brennfläche ! (Diese Pionierleistung wurde erst 100 Jahre später mit Lichtbogen bzw. Knallgasflamme überboten !)


Feuerfestmaterialien und Brennöfen
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Mit der Herstellung der Brennlinsen tritt die Erforschung von Feuerfestmaterialien für Tiegel und Öfen immer mehr ins Blickfeld des Forschers. Im Sinne merkantilistischer Nutzung und zur Befriedigung wirtschaftlicher Interessen erhalten die Problemkreise steigende Bedeutung: Der Ausbau der technischen Basis der Produktion optischer Geräte (Glashütten und Maschinenkonstruktionen zur Glasverarbeitung) sowie die Erforschung der Feuerfestmaterialien.

Auf Tschirnhaus' Veranlassung, mit seiner Unterstützung und teilweise auf seine Kosten wurde die Glasindustrie in Sachsen auch zur Ablösung böhmischen Glases eingerichtet. Neben diesen merkantilistischen Interessen bedeuteten sie auch eine Verbilligung der Experimente. In diesem Sinne organisiert Tschirnhaus die Einrichtung von Glashütten und Verarbeitungsbetrieben. Eine kurze Zusammenstellung der errichteten Manufakturen(wobei der Anteil Tschirnhausens unterschiedlich zu bemessen ist) soll hier genügen:
1679: Kieslingswalde: "Glastechnische Werkstatt", ab 1690 Schleifmühle, 1691 Glasgießen, 1697 Edelsteinschleife
1695 Pretzsch bei Wittenberg: Gründung der Glasfabrik Fremel, die Glasblöcke wurden in Kießlingswalde verarbeitet
1697 Dresden am Weißeritzmühlgraben: Steinschneide- und Poliermühle unter Nutzung der Wasserkraft
1700 Dresden-Ostrawiese: ein früherer Eisenhammer wird Kristallglasmanufaktur, ab 1704 auch farbiges Glas
1700 Glücksburg: 'ordinäres Glas'
1706/07: Schwedeneinfall: Zerstörungen und Produktionsunterbrechung
1707 Dresden: Jungfernbastei-Laboratorium (Auch Aufseher über Böttger)
1708 Dresden: Gründung der ersten beiden Porzellan-Manufakturen in Dresden:
a)Festung: "Stein- und Rundbäckerei" für Fayence
b)Haus des Dr.Bartholomaei für "indianisches Porzellan" und rotes Steinzeug
1709 Friedrichstal bei Senftenberg: Glas- und Spiegelmanufaktur
1709 Freiberg: "Manufaktur des rothen Kieses" (Landedelsteine)
1710 Meißen: Porzellanmanufaktur
1711 Neuostra bei Dresden : Spiegelschleife

Diese Zusammenstellung (nach 4, 5, 6, 7, 9, 10, 15, 18) zeigt das systematische Vorgehen Tschirnhaus' bei der kommerziellen Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse im merkantilistischen Sinne, wie es auch bzgl. seiner Forschungen zu Feuerfestmaterialien deutlich wird. Auf die technische Ausstattung (Öfen, Mühlen) wie auch auf die Produktionsorganisation nimmt Tschirnhaus wesentlich Einfluß.


Forschungsorganistation
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Hier muß auf Tschirnhaus' theoretische und praktische geolosche Aktivitäten hingewiesen werden:

  • Auf Grund der Schmelz- und Sinterversuche liegt ein praktisches Interesse an Erden Gesteinen und Mineralien vor. Tschirnhaus bewirkt den kurfürstlichen Auftrag Sachsen nach Rohstoffvorkommen abzusuchen. Neufunde und die Nutzung bekannter Lagerstätten führen zur Einrichtung von Edelsteinschleifen. Damit wird Tschirnhaus' technologisches Wissen der Werkstoffbearbeitung (Glas) für weitere Produktion in merkantilistischem Sinne genutzt,
  • Tschirnhaus erwartet vom Bergbau ein Anwachsen des Reichtums des Landes und fordert deshalb die Verbreitung bergbaulicher Kenntnisse und das Erlernen der Probierkunst.(19) Zur Erzanalyse auf wissenschaftlicher Grundlage setzte er seine Brennspiegel und -linsen ein, mit denen er auch zugeschickte Proben analysierte.
  • Die Neu- bzw. Nacherfindung des Glasgießens (1691 in Kießlingswalde) erforderte die Konstruktion entsprechender Schmelz- und Abkühlöfen. Bei der Konstruktion fließen technische und materialtechnische Kenntnisse ineinander: Hitzebeständigkeit und sparsame Feuerung bei gleichzeitigem Erreichen einer neuen Arbeitsdimension ("zentnerschwere Blöcke" die in feuerfeste Formen zu gießen sind).
Und wie die Schleif- und Poliermühlen nicht nur Glas. sondern auch Landedelsteine verarbeiten, werden tschirnhausensche Öfen in der Bierbrauerei. der Salzsiederei und in Blaufarbenwerken eingesetzt.

Anschaulich demonstriert Tschirnhaus die einheitliche Verfolgung wissenschaftlicher und merkantilistischer Interessen. E. W. v. Tschirnhaus erfand bzw. entwickelte:

  • Glasgießen (Blöcke und Flachglas)
  • Maschinenkonstruktionen (Säge-, Schleif- und Poliermaschinen neuer Größenordnung mit Wasserkraft)
  • Brenn- und Abkühlöfen (holzsparende Erzeugung hoher Temperaturen)
  • doppelt gebrannte Ziegel (Klinker) und hitzebeständige Tiegel
  • Brennspiegel und Brennlinsen mit Kollektivglas (Sonnenöfen)
  • verschiedene Glassorten
  • Porzellan.(nach 4, 5, 6, 7, 9, 13, 15, 16, 17, 26)
Tschirnhaus mußte bei der Entwicklung seiner Mühlen und Öfen eine Vielzahl technischer und technologischer Probleme der Produktionsprozesse lösen. Dazu sind auch seine wissenschaftlichen Publikationen (vor allem in den Acta Eruditorum) zu beachten, die neben aller Geheimhaltung die wissenschaftliche Anerkennung suchen und für seine Produkte und Geräte (Linsen) ebenso wie für die wissenschaftlich-experimentelle Tätigkeit überhaupt werben.

Neues, Interessantes, Erforschenswertes liegt dort vor, verschiedene Erkenntnisbereiche zusammenstoßen, beispielsweise in der Verbindung von Optik und Materialkunde. Die Untersuchungen verflechten sich hier: Glas wird zum Untersuchungsgegenstand wie auch Mittel der Untersuchung (Linse). E.W.v. Tschirnhaus lernt während des Studiums und auf der Kavalierstour theoretische und praktische Fragen der Forschung mittels hoher Temperaturen kennen, der Erzeugung wie der Nutzung hoher Temperaturen. Damit sind die Ausgangspunkte gesetzt: Wie kann man noch höhere Temperaturen erzeugen? Wozu können hohe Temperaturen genutzt werden? Mit diesem Problemkomplex hat sich Tschirnhaus sein Leben lang beschäftigt. Dabei verfolgte er ihn in seinem gesamten Umfang, wie veranschaulicht: Für die Erzeugung hoher Temperaturen nutzte Tschirnhaus Feueröfen (mit Holz- oder Kohlefeuerung) und Sonnenöfen (Linsen- oder Spiegelsysteme zur Bündelung der Sonnenenergie), ständig versuchte er sie konstruktiv zu verbessern. Gleiches gilt für die Schneide-, Schleif- und Poliermühlen zur Untersuchung und Verarbeitung der verschiedenen Materialien Dabei ergänzen sich zwei Kreisläufe:
I: Als wissenschaftlich-ökonomische Zielstellung werden bessere Materialkenntnisse angestrebt, verbesserte Sonnenöfen werden dazu genutzt, ermöglichen viele kleine Versuchsserien,
II:Bessere Produkteigenschaften (insbesondere des Glases) werden mittels verbesserter Brennöfen angestrebt, mit ihnen sind wenige. aber große Versuche möglich.

Neben diesen Hauptmerkmalen treten als weitere Effekte die ständige Verbesserung der Forschungsorganisation und der technischen Mittel (Mühlen und Öfen) hinzu. Die dialektische Wechselwirkung beider Kreisläufe erkannt, systematisch erforscht und genutzt zu haben, darin liegt eines der größten Verdienste Tschirnhausens.


Porzelan
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Die Gestaltung seiner Arbeit und seines Lebens führt Tschirnhaus unter sich entwickelnden feudalabsolutistischen und cameralistischen Bedingungen immer wieder dazu. seine Stellung zu Forschung und Produktion zu überprüfen. Die Produktion "an sich" funktioniert nur durch ständige Rückgriffe auf Theorie bzw. auf ökonomische Anforderungen hin. Doch immer mehr steht die Frage der Produktion "wofür". (Bestimmende Wirkung ökonomischer Determinanten.)
Das "Nebenprodukt wissenschaftlicher Arbeit" wird zur Hauptsache: der gesellschaftliche Nutzen. Der Weg führt vom physikalisch-technischen Problem (Erzeugung hoher Temperaturen und Beobachtung ihrer Wirkungen) zur technologisch-merkantilistischen Lösung (effektive Nutzung des Wissens).
Diese Überlegungen bringen Tschirnhaus auf den Gedanken (Brief an Leibniz vom 27,2.1694).Porzellan zu bereiten Versucht haben es einige, doch bisher konnte es nur nachgeahmt werden. Sollte die Nacherfindung des Porzellans jedoch gelingen und geheimgehalten werden können, so erschloß sich die Geldquelle. die Tschirnhaus zur Realisierung seiner Akademiepläne benötigte,
Die Geschichte der Nacherfindung des Porzellans bzw. der Erfindung des europäischen Hartporzellans ist vielfach dargestellt und ein Anteil Tschirnhausens daran festgeschrieben worden. Hoffmann (7), dem wir hier im Wesentlichen folgen, resümiert: wer also ist der Erfinder des europäischen Porzellans? Eine solche Fragestellung erledigt sich von selbst, denn die Erfindung wurde über einen längeren Zeitraum hinweg ´in Contubernio´ realisiert in einer Gemeinschaftsarbeit mit ausgeprägter Arbeitsteilung." Und (7, S.422): "Realistisch betrachtet, muß der Erfindungsanteil eines Tschirnhaus. Pabst von Ohain, Bartholomaei, Dr.Nehmitz und der Berg- und Hüttenarbeiter Köhler, Wildenstein, Schuberth insgesamt sogar höher veranschlagt werden. Ohne die Vorarbeit und fachmännische Hilfe dieser verdienstvollen Männer hätte Böttger nicht die Spur einer Chance besessen, das Problem der Nacherfindung des Porzellans zu lösen."
Tschirnhaus als Erfinder (z.B. 3, S. 31) geriet in Vergessenheit, so daß noch heute behauptet werden kann: "Der Prioritätsstreit ist entschieden. Böttger ist der Erfinder."(12, S. 9f) Hoffmann (7) folgt Goder (10, S. 176) in der Betonung der Kollektivleistung. wobei jetzt nicht mehr Böttger in der Führungsrolle gesehen wird.

Verfolgen wir nun die wichtigsten Etappen der Porzellanerfindung (nach 7) unter Berücksichtigung von Tschirnhausens Leistungen:

  • Tschirnhaus führte ab 1693/94 systematische Versuche zum Porzellan durch, übersendet Leibniz am 12.10.1694 ein Probestück. Das Arkanum des Porzellans (3 Zusätze, ihr Mischungsverhältnis und ihre Zubereitung. das Brennen, die Glasur und die Nachbehandlung, vgl. (2, S. 271f) besaß er aber nicht vollständig.
  • 1696 stimmt August der Starke grundsätzlich der Gründung einer Porzellanmanufaktur zu; Tschirnhaus erhält den Auftrag, Sachsen nach Bodenschätzen abzusuchen (Nutzung heimischer Rohstoffe).
  • 1699 berichtet Steinbrück (Hauslehrer bei Tschirnhaus),dieser produziere "weiße unglasierte Gefäßgen" Mehrere Stücke waren auch geschliffen und poliert bekannt - und sie waren eindeutig Porzellan. Diese Stücke herstellen und bearbeiten konnte zu dieser Zeit nur Tschirnhaus in Kießlingswalde !
  • 1701/02 reist Tschirnhaus durch Westeuropa und besichtigt verschiedene Manufakturen, die Porzellansurrogate produzieren. Tschirnhaus erkennt, daß hier keine Konkurrenz zur Porzellanproduktion zu erwarten ist.
  • 1702/05 arbeitet das "Contubernium", ein offiziell zur Beaufsichtigung, Betreuung und Begutachtung der Arbeiten Böttgers eingesetztes Kollegium. Diesem ´Forschungekollektiv zur Nutzung landeseigener Bodenschätze´ gehört Tschirnhaus aktiv an.
  • 1704/05 wird in einem "36-Punkte-Programm" alles zur Nutzung von Böttgers Gold geregelt. Tschirnhaus glaubte nicht an die Transmutation der Metalle, nutzte jedoch die Experimentiergelegenheiten. Das ´Contubernium´ formiert sich um in ein "Entwicklungskollektiv".
  • 1706 (Mai) wurden (auf der Albrechtsburg Meißen) neue feuerfeste Tiegel für weitere Transmutationsexperimente hergestellt (Böttger auf Veranlassung von Tschirnhaus). Diese Tiegel erwiesen sich als Rotes Porzellan ! Aus dieser Erkenntnis erwuchsen neue Ideen für die Herstellung des weißen Porzellans. Tschirnhaus entwarf ein neues Konzept, die Goldmacherei endgültig fallen zu lassen und sich ganz der Porzellanherstellung zu widmen. Auch Böttger denkt um (auf dem Königstein während des Schwedeneinfalls 1706/07).
  • Im Oktober/November 1707 werden auf der Jungfernbastei Dresden in dem neu eingerichteten Gold- und Keramik- Labor umfangreiche Versuchsreihen durchgeführt, in deren Ergebnis das Arkanum das Hartporzellans gefunden und dem König vorgeführt wurde. Dr. Bartholomaei hinterließ die erste schriftliche Notiz des Porzellanrezeptes, womit der Taufschein des Porzellans (15.1.1708) vorliegt.
  • Das Arkanum des Porzellans war gefunden, darauf folgte die Gründung der ersten beiden Porzellanmanufakturen in Dresden. Mit der Gründungsurkunde vom 24.4.1708 wurde Böttger mit der Leitung unter der Regie von Tschirnhaus beauftragt. Pabst von Ohain leitete die systematische Suche nach der weißen Erde (Kaolin),die Mitte 1708 gefunden wurde. Die Porzellanproduktion konnte aufgebaut werden.
  • Am 14.10.1708 stirbt Tschirnhaus, der das umfangreichste Wissen in diesem Mitarbeiterkreis bzgl. hoher Temperaturen, Öfen und Mühlen hatte. Diesen Rückschlag in der Organisation der Porzellanproduktion bedauert Böttger zutiefst. Erst mit dem Memorandum von 28.3.1709 tritt er als Nachfolger und Vollstrecker Tschirnhausenscher Ideen auf (Glasfabriken, Porzellan, Steinschneiderei usw.).
Nun kann Tschirnhaus' Rolle bei der Porzellanerfindung (unter Berücksichtigung von Tschirnhaus' Vorleistungen) eingeschätzt werden:
  • Tschirnhaus besitzt das in Europa größte Wissen um das Arkanum des Porzellans zu jeder Zeit seines Lebens.
  • Er besitzt die notwendige experimentelle Technik (Öfen, Mühlen).
  • Er besitzt große Erfahrungen beim Bau von Brennöfen und der Herstellung feuerfester Materialien, kennt die Erden.
  • Er besitzt große Erfahrungen in der Organisation experimenteller Forschung.
  • Er hat Probestücke hergestellt.

Hoffmann (7, S.359) fragt nun: "Warum muß es um jeden Preis ein Einzelerfinder sein? Der Prioritätsstreit wird nicht wieder belebt. Er gehört in die Mottenkiste der Vergangenheit und ist für eine moderne wissenschaftliche Betrachtungsweise überflüssig." Diese Folgerung ist nicht stichhaltig. Das stellt auch Wollgast fest (26,S.27f): Bis heute wird die Erfindung des Porzellans Johann Friedrich Böttger zugeschrieben. Daß aber Tschirnhaus an dieser Erfindung großen Anteil hatte, er höchstwahrscheinlich überhaupt der wirkliche Erfinder des Verfahrens war, dürfte inzwischen kaum noch zu bezweifeln sein. Ich halte es jedenfalls für höchst problematisch, die Entdeckung des Porzellans als eine Kollektivleistung zu betrachten und den Prioritätsstreit zwischen Tschirnhaus und Böttger als erledigt abzutun (vgl. Hoffmann). Man sollte auch in dieser Frage gründlicher der Feststellung nachgehen: "Jede neue Idee ist das Produkt der schöpferischen Tätigkeit eines Individuums, auch wenn sie in mehreren Köpfen gleichzeitig entsteht." Von Gleichzeitigkeit kann bei Tschirnhaus und Böttger nicht die Rede sein. Die Priorität gebührt. eindeutig Tschirnhaus, wie weit er auch gekommen sein mag. Die Porzellanerfindung ist von ihren Voraussetzungen her als theoretische Entdeckung zu fassen. Natürlich basiert die theoretische auf der empirischen Entdeckung und kann in der Praxis Anwendung und Umsetzung finden; das gilt auch beim Porzellan."

Hoffmann selbst gibt die Antwort(7,S.366): "Aufbauend auf den letzten verheißungsvollen Probebränden in Meißen, vollbrachten Böttger und seine Mitarbeiter das scheinbar Unmögliche unter Tschirnhaus´ dirigierender und Pabst von Ohains organisierender Hand: In tatsächlich nur zwei Monaten - Oktober und November 1707 - entwickelten und erprobten sie in breiter Front Masseversätze und Verfahrensprinzipien für die Delfter Fayence, das edle rote Steinzeug und das weiße Porzellan !" Dabei ist der Erfindungsanteil eines Tschirnhaus, Pabst von Ohain und der anderen Mitarbeiter, wie Hoffmann ja feststellte. höher einzuschätzen als Böttgers Beitrag. Aber auch Pabst von Ohain, Dr. Bartholomaei oder jeder andere des "Contuberniums" hätte ohne Tschirnhaus das Porzellan nicht erfunden. In der "Vorlaufforschung" und als "Wissenschaftlicher Leiter des Forschungs- und Entwicklungskollektivs 'Porzellan'" gebührt ihm die Priorität der Porzellanerfindung. Nach seinem Tode wurde die Erfindung in die Manufakturproduktion übergeführt.

In den letzten Jahren wurde die Geschichte der Erfindung des Porzellans entschleiert. Diese Erfindung ist kein "glücklicher Zufall", sondern beruht auf jahrelanger intensiver Forschung unter Einsatz komplizierter (teilweise neu entwickelter) Technik erst durch Tschirnhaus allein, nach eintretenden Erfolgen mit Unterstützung des "Contubernium"-Kollektivs. Materiell-technische, organisatorische und technologische Voraussetzungen sind durch ihn im Zusammenwirken mit ökonomischen. sozialen und letztlich weltanschaulichen Triebkräften gestaltet. Die notwendige Harmonie in der Entwicklung von Technik, Technologie, Organisation und Produktion wird in der dialektischen Einheit von Forschungs-, Entwicklungs-, Überleitungs- und Produktionsprozess widergespiegelt. So wurde und wird Neues geschaffen durch das Erreichen neuer Qualitäten, durch die Lösung vorhandener Widersprüche. Die Geschichte der Porzellanerfindung demonstriert dies anschaulich. Tschirnhaus schuf die notwendigen Voraussetzungen und leitete den Forschungs-, Entwicklungs- und Überleitungsprozess. Auch die Technikgeschichte bestätigt: Er erfand das Hartporzellan.

"Wer "Böttger" sagt,
muß auch "Tschirnhausen" denken.
Wer "Porzellan" sagt, denkt er "Kaolin"?
Tschirnhausen
führte Böttger,folgenträchtig,
vom Alichimieren weg zur Töpferwanne,
zum braunen Böttger-Steinzeug führt er ihn." (8, S.64)


Literaturverzeichnis (Auswahl)
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  • 1) Autorenkollektiv "Wirtschaftsgeschichte" Verlag Die Wirtschaft Berlin 1979
  • 2) Beckmann, J. "Anleitung zur Technologie..." Göttingen 17802
  • 3) "Curiosa Saxonica, in sich enthaltend die denkwürdigste Lebensbeschreibung des weltberühmten Herrn Ehrenfried Walther von Tschirnhaus,..." 38. und 39.Probe Dresden 1731
  • 4) Forberger, R. "Die Manufaktur in Sachsen" Akademie-Verlag Berlin 1958
  • 5) Forberger. R. "Die industrielle Revolution in Sachsen 1800-1861" Bd.1 Akademie-Verlag Berlin 1982
  • 6) Haase, G. "Die Bemühungen von Ehrenfried Walther von Tschirnhaus um die Dresdener Glashütte" in:Jbd. Staatl. Kunstsammlungen Dresden 1983 Bd.15, S.85-93
  • 7) Hoffmann, K. "Johann Friedrich Böttger" Verlag Neues Leben Berlin 19651,19862
  • 8) Hornbogen. Ch. "Der Adamsapfel" Eulenspiegel Verlag Berlin 1981
  • 9) Hübschmann. W. "Von Tschirnhaus Beitrag zur europäischen Neuerfindung des Porzellans" in:Technikgeschichte Bd.39(1972)Nr.2, S.102-113
  • 10) Goder, W. "Über den Einfluß der Produktivkräfte des sächsischen Berg-und Hüttenwesens ... auf die Erfindung und technologische Entwicklung des Meißner Porzellans... " Diss. Freiberg 1978
  • 11) Kröber, G.(Hrsg) "Wissenschaft - Das Problem ihrer Entwicklung" Bd.2 Akademie Verlag Berlin 1988
  • 12) Menzhausen, I. "Alt-Meißner Porzellan in Dresden" Berlin 1988
  • 13) Peters, H. "Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, der Erfinder des sächsischen Porzellans" in: Chemiker-Zeitung 32(1908)Nr.67 S,789-791; Nr.68 S,802-803;Nr.77 S.921-922
  • 14) Schilfert, G. "Deutschland 1648-1789" Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin 1962
  • 15) Schillinger, K.(Hrsg) "Ehrenfried Walther von Tschirnhaus 1651-1708" Dresdner Hefte 4/83
  • 16) Schillinger,K. "Brennspiegel und Brenngläser von Ehrenfried Walther von Tschirnhaus" in: Sächs. Heimatblätter 29(1983)4 S.179-186
  • 17) Schillinger, K. "Spiegel- und Linsensysteme im 17. und 18. Jahrhundert zur Nutzung der Sonnenenergie" in: Feingerätetechnik Berlin 33(1984)6 S,274-279
  • 18) Steinbrück, M. "Bericht über die Porzellanmanufaktur Meissen von den Anfängen bis zum Jahre 1717" Edition Leipzig 1982
  • 19) Tschirnhaus, E.W.v. "Gründliche Anleitung zu nützlichen Wissenschaften, absonderlich zu der Mathesi und Physica, wie sie anitzo von den Gelehrtesten abgehandelt werden" Franckfurt und Leipzig 1729 (4) (vgl,auch (27))
  • 20) Winter, E. "Halle als Ausgangspunkt der deutschen Rußlandkunde im 18.Jahrhundert" Akademie Verlag Berlin 1953
  • 21) Winter, E. (Hrsg) "Ehrenfried Walther von Tschirnhaus und die Frühaufklärung in Mittel- und Osteuropa" Akademie Verlag Berlin 1960
  • 22) Winter, E. "Das Tschirnhausische oberlausitzsche Museum" in: "Die Oberlausitz in der Epoche der bürgerlichen Emanzipation" Görlitz 1981
  • 23) Winter, E. "Ehrenfried Walther von Tschirnhaus - ein Leben im Dienste des Akademiegedankens" Akademie Verlag Berlin 1959
  • 24) Winter, E. "Ehrenfried Walther von Tschirnhaus und die deutsch-slawische Wechselseitigkeit in der europäischen Aufklärung" Z.f.Slaw.,Jg.V(1960) S.17-21
  • 25) Wöhler. H.-U. "Weltanschauliche Aspekte der Technikbetrachtung in der Periode des Manufakturkapitalismus" in:Kovacs, G. und Wollgast. S. (Hrsg) "Technikphilosophie in Vergangenheit und Gegenwart" Akademie-Verlag Berlin 1984
  • 26) Wollgast, S. "Ehrenfried Walther von Tschirnhaus und die deutsche Frühaufklärung" Akademie-Verlag Berlin 1988
  • 27) Zaunick, R. "Ehrenfried Walther von Tschirnhaus Medicina Mentis sive artis inveniendi praecepta generalia Erstmals vollständig ins Deutsche übersetzt und kommentiert von Johannes Haussleiter, Halle/Saale Mit mathematikgeschichtlichen Zusätzen von Herbert Oettel, Oberhausen/Rheinland und einer biographischen Einführung sowie mehreren Anhängen von Rudolph Zaunick, Halle/Saale" J.A.Barth Verlag Leipzig 1963

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